| Begründung der Jury zum Märkischen Stipendium 1983 | ||
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"Die Jury hat Wolfgang Gießler aus dem Kreis der in die engere Wahl genommenen Bewerber als Stipendiaten für das Märkische Stipendium 1983 für Bildende Kunst ausgewählt. Sie anerkennt, daß sich die Arbeiten des Künstlers trotz unverkennbarer Verhaltenheit im Inhaltlichen, in den Mitteln und der Farbe durch eine bemerkenswerte Vielfalt der Gestaltung auszeichnen und im Verzicht auf äußere Hilfen vom Betrachter ein verständnisvolles und verständnisfähiges Eingehen auf das scheinbar Unscheinbare erwarten." | ||
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| Zu meiner Arbeit (1983) | ||
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Ich sehe die Entstehung meiner Arbeiten als einen Entwicklungsprozeß. Das Material reagiert auf die Bearbeitung. Es schafft neue Voraussetzungen und fordert neue Entscheidungen. Ich versuche, die verschiedenen Arbeitsschritte zu einer Einheit werden zu lassen. Wenn es gelingt, dann ist am Ende etwas entstanden mit einer eigenen Vergangenheit und einem gewachsenen Charakter. | ||
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| Zu meiner Arbeit (2003) | ||
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Bei meiner jüngsten Werkgruppe handelt es sich zum ersten Mal um Fotografien; die bisherigen Werkgruppen bestehen aus Zeichnungen, Collagen und vor allem aus malerischen Wandobjekten, z.T. großformatig. Bei den Fotografien handelt es sich um Ausschnitte einer unscheinbaren Wirklichkeit. Der Ausschnitt ist jeweils so gewählt, daß sich innerhalb des querformatigen Bildrechtecks eine klare Komposition ergibt. Diese Komposition ist wichtig: sie verleiht der unscheinbaren Wirklichkeit, der das Motiv entstammt, eine gewisse Würde. Man könnte meinen, ich sei nach über 20 Jahren ungegenständlicher Kunst nun in der sichtbaren Wirklichkeit angekommen, aber auch meine früheren Arbeiten beinhalten Elemente und Aspekte der sichtbaren Welt: vor allem Oberflächenreize, die Assoziationen an abgenutzte Materialien zulassen oder den Herstellungsprozeß nachvollziehbar machen. So gesehen, war meine Arbeit nie "konkret" im klassischen Sinne - es gab immer das Spannungsverhältnis von Klarheit im Aufbau einerseits und gewissermaßen handschriftlichen Unregelmäßigkeiten andererseits. Diese Balance zwischen Absolutheit und "Privatheit" kann man vielleicht als das eigentliche Anliegen meiner Kunst ansehen. | ||
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| Zu den Werkgruppen (2008) | ||
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Die Fotografien sind meine jüngste Werkgruppe; die ersten "Motive" entstanden 1996. Seitdem kommen in unregelmäßigen Abständen immer neue Bilder hinzu. Die Fotografie ist ein Medium, das in verschiedenen Formaten und Präsentationsformen auftreten kann. Darum fehlen bei den gezeigten Beispielen Größen- und Zeitangaben. Seit 2004 gibt es eine Reihe von Bildern im Format 70x90 cm inklusive einem 10 cm breiten weißen Rand. Sie sind im Diasecverfahren hinter 4 mm starkes Plexiglas geklebt, auf eine 4 mm starke Aludibondplatte aufkaschiert und auf der Rückseite mit Aufhängeleisten versehen. Sobald ein Foto in dieser Form existiert, bekommt es die Datierung seiner Realisation, nicht die der Aufnahme. Seit 2006 existieren die meisten Fotos noch in minimal veränderten Proportionen: mit haltbarer Pigmenttinte in den Maßen 11,4x15cm auf 24x30cm auf mattes Archivpapier gedruckt und mit Aluminiumrahmen versehen. Im Format 19x25cm auf 40x50cm gibt es sie seit 2008. Inzwischen gibt es auch innerhalb der Fotografien zwei Werkgruppen: die jüngste Gruppe der Fotografien 2 bildet Gegenstände ab, die bei meinen früheren künstlerischen Arbeiten eine Rolle gespielt haben: Farbdosen, die für die Tuschearbeiten verwendet wurden, Farbnäpfe aus alten Farbkästen, zum Aufhängen von Bildern benutzte Nägel und einiges mehr. Es handelt sich dabei immer um Serien, die Fotografien können aber durchaus auch einzeln auftreten. Insgesamt hat jedes Motiv eine Auflage von 6 Exemplaren + 2 AP, wobei zunächst immer nur das jeweils nächste Exemplar numeriert und signiert wird. Bei den Installationen handelt es sich um ein Modulsystem aus Hartfaserplatten, die es in 7 verschiedenen Größen gibt; die kleinsten sind 10x14 cm, die größten 80x112 cm. Dabei ist jeweils die nächstgrößere Platte doppelt so groß wie die vorhergehende. Die Platten werden zunächst mit Acryllack bemalt, und zwar je eine Serie mit der gleichen Farbe. Danach werden die Platten "individualisiert", indem sie mit Schmirgelpapier so lange bearbeitet werden, bis sie sich in der Oberfläche voneinander unterscheiden. Zusätzlich kommen auf den geschmirgelten Lack noch mehrere Schichten verdünnter braunschwarzer Tusche; dadurch wird der künstliche Alterungsprozeß noch verstärkt. Um diesen Alterungsprozeß als beendet zu definieren, werden die einzelnen Platten seit 2006 abschließend mit einem seidenmatten Klarlack versehen. Durch Aneinanderfügen mehrerer Platten ergeben sich größere Einheiten. Die Tafeln werden mit Nägeln direkt auf der Wand befestigt; die "Werke" existieren nur für die Dauer ihrer Präsentation - danach gehen die Platten zurück in den "Fundus". Die ältesten Beispiele der Werkgruppe Objekte 1 stammen aus dem Jahr 1984. Auch diese Gruppe wird in unregelmäßigen Abständen erweitert. Im Gegensatz zur vorigen Objektgruppe haben die Objekte 2 immer den gleichen Aufbau, die gleiche Größe, und sie sind immer aus dem gleichen Material: auf einen Block aus Wellpappeplatten werden je 2 verschiedenfarbig lackierte Papiere aufkaschiert, die anschließend mit verschiedenen Tuschen weiter behandelt werden. Die Blöcke sind auf der Rückseite meistens mit 2 Aufhängevorrichtungen versehen, so daß man fast jede einzelne Arbeit auch umgekehrt aufhängen kann. Es gibt sie seit 1988. Die Tuschearbeiten bilden - sieht man einmal von den cartoons ab - die älteste der hier gezeigten Werkgruppen; es gibt sie seit 1981. Auf diese Arbeiten beziehen sich die beiden Texte im Zusammenhang mit dem Märkischen Stipendium. Es handelt sich insofern um Collagen, als der Bildträger aus mehreren Schichten unterschiedlich großer Papierstücke besteht, die miteinander verklebt sind. Dieser Bildträger wird mit Tusche eingefärbt und mit Schmirgelpapier behandelt. Mitunter kommt noch ein weiteres Material hinzu. Die Wandobjekte sind mit Ösen versehen und werden ohne Rahmen mit kleinen Nägeln auf der Wand befestigt. Tja, die cartoons...die gezeigten Zeichnungen sind alle von 2005. Manche der Ideen gehen aber zurück bis in die Zeit meines Studiums, so um 1970 herum. Seitdem kommen immer wieder Ideen dazu, die ich jetzt in einheitlichem Format verwirkliche: 30x24cm. Außerdem gibt es die cartoons inzwischen auch als Drucke: mit Pigmenttinte auf Hahnemühle German Etching gedruckt. | ||
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| Balance zwischen Absolutheit und Privatheit | ||
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Es kann ein Kreuz sein mit der Begabung: Alles geht leicht von der Hand, stimmt, gelingt, gefällt, ist geistvoll und witzig, ästhetisch und harmonisch, verkauft sich und lässt doch unbefriedigt, erscheint, bei (selbst-)kritischer Betrachtung, beliebig, vielleicht sogar überflüssig. Von Heimrad Prem, einem der Gründer der Münchner Gruppe Spur, ist überliefert, dass er darunter litt, genau zu wissen, wie man gelungene Bilder malt. Wie man Farbwerte einsetzt, mit Hell-Dunkel-Kontrasten arbeitet, mit Kalt-Warm-Polaritäten umgeht, mit Komplementär-Effekten inszeniert, den Goldenen Schnitt anzuwenden versteht. Er wusste, was man braucht, um ein gutes Bild zustande zu bringen. Und er erzählt, wie er voll Frust und mit Absicht seine Bilder ruinierte, indem er mit Schwung und Wut eine Form oder Farbe hineinplatzen ließ, die nun wirklich partout nicht hineingehörte. Erst dann, so berichtet er, wurde die Arbeit für ihn interessant: Wie kann aus dem verpfuschten Bild vielleicht doch noch etwas Sinnvolles entstehen? Das Missgeschick lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber vor der misslungenen Sache nicht zu kapitulieren, sondern sie so in die Hand zu nehmen, dass doch noch etwas - auf neue, andere Weise - Stimmiges daraus wird: Das war ihm spannende Herausforderung - "wie im wirklichen Leben". Was sich in der Kunstgeschichte des vergangenen Jahrhunderts als umfassende Revolution ausnimmt, wiederholte und wiederholt sich immer wieder in den persönlichen Biographien der Künstler: Die Abkehr vom klassisch Schönen, die Suche nach dem Elementaren, Primitiven, Ursprünglichen, dessen Raffinesse und Komplexität zu entdecken sich als das große Abenteuer entpuppt. Am radikalsten vielleicht hat Lucio Fontana seinen Frust an einer ihn anödenden Malerei abreagiert, als er die Leinwand in südländischer Aufwallung mit dem Messer zerschlitzte. Und siehe da: Aus der Zerstörung entstand etwas Neues, Aufregendes, Entwicklungsfähiges. Die Tür war aufgestoßen. All dies scheint wenig mit Wolfgang Gießler zu tun zu haben. Doch auch bei ihm gibt es ein Damaskus-Erlebnis, eine radikale Abkehr vom bisher für gut und richtig Gehaltenen, durchaus Gelungenen:1980 begann er von vorn. Er hörte auf zu zeichnen, verzichtete auf vieles, was er "konnte", ohne freilich diesen Hintergrund völlig loszuwerden. Technische Professionalität blieb weiterhin, auch im bewussten Verzicht, das tragfähige Fundament neuer Versuche, Erfindungen und Erfahrungen. So verabschiedete er sich keineswegs von den vertrauten Materialien Papier und Tusche, nur setzte er sie jetzt völlig anders ein, schichtete und klebte, ließ reliefartige Strukturen entstehen, lineare Begrenzungen die Fläche strukturieren. Wenige Farbakzente markierten Teilungen, Tusche schließlich veränderte das Papier, gab ihm einen völlig anderen Materialcharakter. Ein Weg war beschritten, der sich zwar, kunsthistorisch betrachtet, nicht im luftleeren Raum bewegte, aber doch ein sehr eigenes Terrain, eine neue Vielfalt, erschloss. Sinnvolle Askese - nicht nur in der Kunst - entspringt also nicht masochistischem Bedürfnis, sondern ist ein Weg, Neues zu erfahren: Reduktion nicht als Verarmung, sondern als Methode, zu neuem Reichtum zu gelangen, jenseits des Feuerwerks malerischer Events und brillanter zeichnerischer Einfälle neue Werte und Weiten zu erschließen, die nur scheinbar karger sind als die, auf die man mit Absicht verzichtet hat. Gießler ist diesen Weg konsequent weitergegangen. Seine Bilder wurden strenger und karger, nicht immer einfache Kost gerade wegen ihrer - scheinbaren - Einfachheit. Dem aufmerksamen Betrachter aber eröffnete sich eine Welt neuer, subtiler Nuancen, ein komplexes Spannungsfeld zwischen rationaler Form und irrationaler Normabweichung. Monochromie und serielle Herstellung, Normierung der Formate, Experimentieren mit unterschiedlich einsetzbaren Modulen, so dass aus Einzelbildern Reihen und Serien, variable Cluster, "Superzeichen", Kompositionen nach dem Baukastenprinzip entstanden, die Wand zum eigentlichen "Bildträger" wurde - all dies war immer nur die eine Seite. Die andere insistierte auf Individualität, doch kehrte diese, pikanterweise, nicht als expressiver Duktus wieder, sondern in einem Prozess partieller Zerstörung, gleichsam künstlicher Alterung der Oberfläche. Gießler schmirgelte die gemalten und gelackten Oberflächen seiner Bildobjekte ab, so dass sie wie benutzt wirkten, dass in ihnen fiktive Geschichte ins Spiel kam. Der Bogen schließt sich zur jüngsten Werkgruppe, den Fotografien. Mit sicherem Blick für Komposition wird Gießler im Bereich unscheinbarer Alltagswirklichkeit fündig. Die Unterscheidung zwischen gegenständlich und "abstrakt" wird dabei vollends hinfällig. Zwar ist der Eingriff - oder Zugriff - des Künstlers immer Abstraktion, doch entsteht dabei nicht nur neue Wirklichkeit, sondern diese bleibt zugleich der Realität, die Ausgangspunkt der Arbeit war, verbunden. Dies genau ist das Spannungsfeld, das den Künstler interessiert. Er selbst hat sich darüber wie folgt geäußert: Die Komposition "verleiht der unscheinbaren Wirklichkeit, der das Motiv entstammt, eine gewisse Würde". Und, rückblickend: Es gab in seinem Schaffen "immer das Spannungsverhältnis von Klarheit im Aufbau einerseits und gewissermaßen handschriftlichen Unregelmäßigkeiten andererseits". Schließlich: "Diese Balance zwischen Absolutheit und ‚Privatheit' kann man vielleicht als das eigentliche Anliegen meiner Kunst ansehen". Es geht, nicht zuletzt, um die Rehabilitation, das ästhetische "Recycling" des tatsächlich Gealterten, Vernutzten, Weggeworfenen. Hier ist nicht der Ort, Werkentwicklung und Werkgruppen im einzelnen und ausführlich vorzustellen. Nur so viel, abschließend: Was mitunter wie eine verblüffende Wendung erscheint, erweist sich im Nachhinein, im Kontext betrachtet, als logischer Schritt, wenngleich ein solcher auch für den Künstler selbst überraschend sein kann, ebenso überraschend wie die Stimmigkeit, mit der sich, im Rückblick, das Neue der Biographie einfügt. Prof. Hans Gercke, Direktor des Heidelberger KunstvereinsHeidelberg, im August 2004 | ||
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